Warum ich für die Überarbeitung von (Kinder)Büchern bin

Drüben, bei der lieben Christine geht es gerade um Schimpfwörter, Diskriminierung, Sprache und irgendwie auch um Kinderbücher. Die Kommentare unter dem Artikel haben mich bewegt spät in der Nacht nochmals aufzustehen, um meine Gedanken irgendwo nieder zu schreiben. Eigentlich wollte ich es als Kommentar machen aber der wurde doch ganz schön lang.

Christine hat einen, wie ich finde, ganz tollen Umgang mit den Schimpfworten ihrer Kinder gefunden. Mit ihrer Meinung zur Überarbeitung von Büchern stimme ich aber nicht überein.
Ich bin uneingeschränkt für die Streichung von diskriminierenden Worten.
Da ich Christines Meinung aber sehr schätze und zuerst verwundert war, dass unsere Meinungen in dem Punkt so sehr auseinander gehen, habe ich mich gefragt, warum wir so unterschiedlicher Ansicht sind. Mir scheint, dass der Unterschied in der Herangehensweise an Bücher liegt. Im Rahmen des Sprach-/ Literaturstudiums das Christine gemacht hat, erlangt man einen ganz bestimmten Umgang mit Büchern. Man erlernt es, Sprache und Schrift immer im Kontext zu behandeln, sie einzuordnen und zu analysieren. Die Bücher wirken nie für sich, sondern immer in Wechselwirkung mit ihrer Entstehung.
Den Artikel von Antje Schrupp finde ich großartig. Dass Christine, am Ende andere Schlüsse zieht, würde ich jetzt darauf schieben, dass sie Bücher anders ließt als ich. Dass sie sie MIT ihrem Hintergrund ließt. Wenn man die Bücher in überarbeiteter Fassung mit ihrem historischen Hintergrund, mit dem Wissen um die Sprache der Zeit, ließt, dann werden sie falsch. Sie funktionieren dann nicht mehr. Ein überarbeitet Shakespeare funktioniert nicht, wenn man sich für Shakespeare interessiert.
Erst kam mir der Gedanke, dass das für Kinder aber nicht funktioniert. Aber den Gedanken habe ich verworfen. Natürlich funktioniert es, es ist eine andere Art zu lesen. Eine spannende Art. Eine Art die auch mit Kindern funktioniert.

Trotzdem bleibe ich dabei: Die Wörter müssen weg.
Es verletzt Menschen. Punkt. Wie kann ich guten Gewissens sagen, dass meine Kinder mit solchen Büchern einen Umgang mit Diskriminierung lernen, wenn ich es auf Kosten der Diskriminierten tue? Wenn ich einem Schwarzen Kind erkläre, was das N-Wort bedeutet und wie schwarze Menschen zu bestimmten Zeiten gesehen wurden, dann wird es dieses N-Wort negativ besetzen. Es wird immer, wenn dieses Wort fällt ein unangenehmes Gefühl empfinden. Ein Buch, in dem das N-Wort vor kommt, wird das Kind negativ empfinden. Ich würde es dem Kind nicht vorlesen. Ein Buch, was ich nur einem weißen Kind vorlesen kann, ist diskriminierend.

Es ist wichtig, dass Kinder geschichtliche Bildung erfahren. Sie müssen die Vergangenheit kennen, um sie nicht zu wiederholen. Sie müssen für das Thema sensibilisiert werden. Das sieht Christine als wichtig an. Ich stimme ihr zu. Ich möchte aber gerne, dass meine Kinder Personen mit Behinderungen, anderen Hautfarben oder sonstigem zuallererst und sehr intensiv als Menschen wahrnehmen. Ich möchte nicht, dass der erste Kontakt darin besteht zu lernen, was diese Menschen NICHT sind. Viele Kinderbücher richten sich an Kinder von 3 oder 4 Jahren. Ich empfinde es als falsch, wenn mein Kind das erste mal einen Schwarzen trifft, diesen zuallererst damit verbindet, dass er KEIN N… ist sondern, ich möchte, dass mein Kind dies völlig unvoreingenommen betrachtet. Das ist sicher ein diskussionswürdiger Punkt. Momentan ist es eher ein Gefühl. Mir scheint es eine große Tugend der Kinder, dass sie so frei auf andere Menschen zugehen. Dass sie noch keine Unsicherheiten im Umgang mit anderen Menschen haben. Es fühlt sich richtig an, dass Hautfarben und Behinderungen keine Rolle spielen. Ich möchte gerne, dass sie sich erst näher mit Diskriminierung beschäftigen, wenn sie eine Vielzahl von Menschen kennen gelernt haben. Christine erklärt ihrem Sohn Homosexualität am Beispiel der Nachbarn. Dem Sohn wird sofort klar, wie absurd dieses Schimpfwort ist. Die Lebenssituation der netten Nachbarn empfindet er als vollkommen normal und selbstverständlich. Nimmt man Kindern nicht diese Selbstverständlichkeit, wenn sie das erste homosexuelle Paar erst kennenlernen, wenn sie sich vollkommen bewusst sich, dass diese Beziehungsform von anderen Menschen als unnatürlich und falsch angesehen wird?

Ich möchte außerdem die Wörter nicht regelmäßig nutzen. Ich möchte nicht, dass mein Kind sie benutzt, ist es dann nicht falsch, mein Kind mit diesen Worten ins Bett zu begleiten? Es fällt mir schwer, die Wörter auszusprechen. Ich habe eine natürliche Hemmung. Ich finde das richtig. Ich finde es richtig, wenn die Wörter aus unserem Sprachgebrauch verschwinden. Es scheint mir verkehrt Kindern, in einem Alter in dem sie die Sprache der Eltern adaptieren, diese Wörter immer wieder vorzulesen.
Es erscheint mir viel logischer die Dinge konsequent richtig zu bezeichnen. Wenn ich den König aus Takatuka-Land als dunkelhäutig bezeichne, dann sieht mein Kind dunkelhäutige Menschen als dunkelhäutig an.

Ich bin mir sicher, dass Christine tolerante, offene, informierte, gebildete Kinder groß zieht. Ich bin mir sicher, dass ihre Kinder einen deutlich bewussteren Umgang mit Sprache beigebracht bekommen, als meine Kinder es einmal beigebracht bekommen werden. Ich finde es sehr interessant zu lesen, wie anders Menschen an Bücher ran gehen.
Ich lese Bücher nicht unter Berücksichtigung ihres historischen Hintergrundes. Ich weiß meistens wenig über den Autor und über die Zeit in der sie verfasst wurden. Ich kann sie nicht in ihren literarischen Kontext stellen. Ich kann nicht beurteilen, ob die politisch unkorrekten Wörter in den Büchern zu der Zeit des Autors negativ besetzt waren oder nicht.
Die wenigsten Leute können das. Die wenigsten sind sich überhaupt bewusst, dass das notwendig wäre. Wie viele Kinder bekommen diese Bücher unreflektiert und ohne weitere Informationen vorgelesen? Ich vermute es sind viele und ich bin sicher, dass das nicht gut ist.

Ich habe mich gefragt – wenn ich ein Buch schreibe und einige Wörter die ich heute völlig unbedarft benutze, werden in Zukunft als rassistisch oder diskriminierend empfunden – würde ich wollen, dass die so stehen bleiben? Ich bin mir sicher, dass ich das nicht wollen würde. Warum also sollte man die Bücher nicht überarbeiten?

Advertisements