Armutsrisiko Kind = Selbst Schuld? Oder eine gesellschaftliche Aufgabe.

Schon wieder ein Beitrag von mama-arbeitet zu dem ich mich äußern muss…

Sie schreibt (unter anderem) über Armut als alleinerziehende Mutter. Wie das im Internet so ist, es gibt zu allem sehr unterschiedliche Kommentare. Eine Auswahl an Kommentaren findet ihr hier, besonders aber hier.

In den Kommentaren tummeln sich, wie immer, ein paar Trolle. Daneben gibt es aber auch eine Menge Menschen, die einen durchaus intelligenten Eindruck machen. Menschen die herausstellen welche persönlichen Fehler gemacht wurden. Vielleicht sind manche sogar selber arm, sehen die Schuld aber bei sich. Denn was soll der Staat denn noch machen? Arme Menschen kriegen kostenlose Kita Plätze, Bildungsgutscheine, Harz4. Das kostet ja auch Geld und der Staat ist dazu da einen abzusichern, nicht dazu einem Wohlstand zu garantieren. Wo kämen wir da denn hin, dann würde ja keiner mehr arbeiten gehen. Die Verantwortung wird immer als eine persönliche Verantwortung der Frau gesehen.

Man darf als Frau eben nicht den Fehler machen, sich abhängig zu machen. Die Meinung ist populär, jede Frau weiß das.

Meine Mutter hat da irgendwas falsch gemacht. Was genau eigentlich ihr Fehler war, das habe ich mich als junges Mädchen nicht gefragt. Klar war aber – ich werde Abi machen, ich werde studieren, selbstverständlich studiere ich etwas was gute Jobchancen bietet, ich werde vollzeit arbeiten. Ich werde unabhängig bleiben.

Also habe ich Abi gemacht. Ich habe studiert und angefangen zu arbeiten. Dann wurde ich arbeitslos. Betriebsbedingt. Mit Mitte 20, guten Noten, in einem Bereich mit guten Aussichten. Ich fing an mich zu bewerben. Ich erfüllte alle Kriterien der Stellenausschreibungen. Ich bekam Absagen. Ich machte mir wenig Gedanken, schließlich war ich jung, bestimmt hatten andere mehr Erfahrung, bestimmt hatten andere bessere Noten. Ich erzählte im Bekanntenkreis, dass ich bisher Absagen bekam. Von allen Seiten kamen Ratschläge. Ich hatte damit gerechnet, dass man mir Fortbildungen empfiehlt oder vielleicht bestimmte Firmen, die Leute suchen. Vielleicht bietet mir auch jemand an, die Bewerbungen zu prüfen. Stattdessen riet man mir, keine Ringe zu tragen – nicht dass jemand ahnt dass du verheiratet bist – sagten sie. Sie sagten „Erwähne bloß, dass ihr Eigentum habt“, „Versuche heraus zu stellen, dass Karriere das wichtigste in deinem Leben ist“.

Ich war ehrlich geschockt. Sollte das wahr sein? Kein Job weil ich eine Frau bin? Im fruchtbaren Alter! Klar, sagten sie. Natürlich, was denkst du denn.

Ich bin also eine Frau. Wenn ich einen Ring trage, bedeutet dass – stell sie nicht ein, die wird schwanger. Wenn der Mann einen Ring trägt, bedeutet dass – er ist solide und ihm wird der Rücken frei gehalten. Wenn ich Eigentum besitze, bedeutet dass – stell sie nicht ein, die wird schwanger. Wenn der Mann Eigentum besitzt, bedeutet dass – er ist solide, vernünftig, verantwortungsvoll und zukunftsorientiert und außerdem zieht er nicht so schnell weg.

Ich habe trotzdem einen Job bekommen. Ich bekomme weniger Geld als mein Mann, trotz besserer Qualifikation. Trotzdem bin ich glücklich. Ich bin beim Staat gelandet, wenn wir ein Kind erwarten, ist mein Job nicht in Gefahr. Das ist mir das geringere Gehalt wert. Der Job von meinem Mann ist durch ein Kind ja sowieso nicht in Gefahr. Er ist ja schließlich ein Mann.

Denn Kinder möchten wir ja schließlich schon. Beide. Für mich bedeutet das also erstmal, dass ich mit weniger Gehalt zufrieden bin. Lange bevor wir überhaupt die Verhütung abgesetzt haben. Für meinen Mann bedeutet das gar nichts.

Unser Freundeskreis ist da weiter. Die meisten haben bereits Kinder. Und auch diesen Frauen ist völlig klar – sie müssen unabhängig bleiben. Im Zuge der Gleichberechtigung beschlossen sie, sich das Jahr Elternzeit zu teilen. Die Frauen bekamen ein Kind, gingen in den Mutterschutz und stillten ihr Baby.

Die Frau beantragte Elternzeit und erhielt die Information, dass sie da natürlich einen Anspruch drauf hätte, die Stelle aber dann selbstverständlich neu besetzt werden müsste. Sie könnte nach der Elternzeit ihren Anspruch auf Rückkehr geltend machen, sie müsse sich aber im Klaren sein, dass sie ihre Position nicht zurück bekäme und die geplante Beförderung dann natürlich weg fiele.

Die Frau ist froh, dass sie einen festen Job hat und beklagt sich nicht.

Der Mann beantragte Elternzeit und erhielt promt die Information, dass er da natürlich einen Anspruch drauf hätte, die Stelle aber dann selbstverständlich neu besetzt werden müsste. Er könnte nach der Elternzeit seinen Anspruch auf Rückkehr geltend machen, er müsse sich aber im Klaren sein, dass er seine Position nicht zurück bekäme und die geplante Beförderung dann natürlich weg fiele. 

Mann und Frau beraten sich. Ihnen ist klar, dass ihnen dann gemeinsam weniger Geld bliebe. Ihnen ist bewusst, dass es vernünftiger ist, wenn wenigstens einer Karriere macht. Schließlich sind Kinder teuer.

Die Frau bleibt ein Jahr zuhause. Sie bekommt 60% ihres Gehaltes. Der Mann wird in der Zeit befördert. Die Frau spürt erste Abhängigkeiten und versucht so schnell wie möglich zurück in ihren Job zu kommen. Das Kind wurde natürlich schon vor der Geburt in der Kita angemeldet. Leider gibt es trotzdem mehr Kinder als Kita Plätze. Der Arbeitgeber drängelt. Endlich ist ein Kita-Platz gefunden / eingeklagt. Er liegt nicht vor der Tür und natürlich ist der schlechte Betreuungsschlüssel nicht gut für das kleine Kind. Aber man muss nunmal auch Kompromisse machen. sie wollte ja schließlich ein Kind, da kann sie ja nun nicht jammern, nur weil sie ein bisschen früher aufstehen muss, um das Kind in die Kita zu stecken. Außerdem verdient ihr Mann ja gut. Wenn sie meint, unbedingt arbeiten zu müssen, dann muss sie das eben organisieren.

Sie organisiert den Kita-Platz. Steigt mit 30 Stunden ein. 6 Stunden am Tag. Einen großen Teil von ihrem Gehalt zahlt sie an die Kita. Trotzdem ist sie glücklich. Ihre Stelle ist nicht neu besetzt worden. Sie hat die gleiche Arbeit wie vorher behalten. Der Unterschied ist nur, dass sie die gleiche Arbeit nun in 6 und nicht in 8 Stunden machen darf. Sie macht Überstunden. Arbeitet 7 Stunden anstatt 6. 30 Minuten werden abgezogen. Pausenzeiten sagt das Arbeitsschutzgesetzt. Abends holt sie das Kind aus der Kita und kümmert sich um den Haushalt. Schließlich hat sie ja nur einen Teilzeitjob und ihr Mann muss Karriere machen. Ihr Geld versickert ja sowieso in der Kita.

Das Ganze funktioniert. Natürlich ist es etwas anstrengend. Natürlich steigt der Druck in der Firma, denn sie war nun schon mehrere Male nicht da, weil das Kind krank war. Die Kollegen sind auch nicht begeistert. Die Arbeit bleibt an ihnen hängen. Er hat noch nicht gefehlt. So kurz nach der Beförderung kann er sich das wirklich nicht leisten.

Die Kitas streiken. Tageweise. Es ist Anfang des Jahres. Sie nimmt Urlaub. Ein paar Tage. Ein paar mehr Tage. Die Kitas weiten ihren Streik aus. Es wird ab sofort auf unbestimmte Zeit gestreikt. Im gesamten Bundesland. Sie kriegt das schon hin. Montag fängt sie später an, bringt das Kind zu ihren Eltern in die nächste Stadt mit 2 Stunden Entfernung. Dafür arbeitet sie bis nachts. Das Kind schläft schon lange. Trotzdem kriegt sie ihre 30 Stunden schwer zusammen. Sie reduziert auf 20. Ist den ganzen Tag unterwegs, um ihr Kind schlafend zu sehen und darf sich fragen lassen „wozu sie denn dann ein Kind bekommen hat“.

Der Mann hat sich das anders vorgestellt. Er kommt nach hause und anstatt einer fröhlichen Frau die schon das Haus geputzt hat, erwartet ihn ein schreiendes Kind und eine kaputte Mutter, die ihm das Kind in die Hand drückt. Er bleibt immer öfter länger im Büro. Seine Kollegen verstehen ihn, ihnen gehts nicht anders. Die Frau meckert, obwohl sie doch den ganzen Tag für die Familie schuften. Sie würden sich ja gerne mehr kümmern aber da gibt der Job nunmal nicht her. Sie würden ja gerne weniger arbeiten aber das Gehalt der Frau – halbtags, mit Steuerklasse 5 – da bleibt nach Abzug der Kita Kosten ja nichts über. Und Sex gibt es auch kaum noch.

Er lernt eine neue Frau kennen. Sie ist jung, unkompliziert, fröhlich. Im Grunde ist sie so wie seine Frau mal war, als er sich in sie verliebt hat. Er verliebt sich. Trennt sich. Er ist kein schlechter Mensch. Natürlich zahlt er Unterhalt für das Kind. Sie darf die Eigentumswohnung behalten, damit sie und das Kind dort wohnen bleiben können. Natürlich muss sie dann den Kredit zahlen. Aber die Möbel schenkt er ihr.

Dafür, dass sie so wenig verdient und nichts angespart hat, kann er ja nun nichts. Auch, dass ihr Arbeitgeber sie nicht wieder in Vollzeit beschäftigen möchte, ist nicht seine Schuld. Um sein Kind kümmert er sich gerne am Wochenende. In der Woche macht das keinen Sinn, sie arbeitet ja sowieso nur Teilzeit und hat viel mehr Zeit. Er hat in den letzten Jahren Karriere gemacht. Er verdient jetzt richtig gut.

Sie war einfach naiv. Sie hat sich abhängig gemacht, obwohl sie das nie wollte. Sie sitzt in der Frauenfalle. Irgendwo zwischen -nicht ausreichend einsetzbar- und -überqualifiziert-. Dankbar kann sie sein, dass der Staat sie auffängt.

So oder so ähnlich hört man es momentan von allein Seiten. So ähnlich war es auch bei meiner Mutter. Auf die Teilzeitstelle folgte irgendwann Arbeitslosigkeit. Auf die Arbeitslosigkeit folgten geringfügige Beschäftigungen. Sie wollte zeigen, dass sie arbeiten will. Am Ende hieß es – sie ist zu lange raus aus ihrem Hauptjob. Oder – sie ist überqualifiziert und bald weg. Das bittere Ende ist ein Rentenbescheid auf dem 340 Euro stehen.

Ich will das ja alles anders machen. Ganz anders. Gleichberechtigt und unabhängig will ich sein. Gut, das geringere Gehalt… Wirklich groß wird der Unterschied aber eigentlich auch erst durch unsere Steuerklassen. Mit Steuerklasse 5 bleibt mir weniger. Aber insgesamt ist es mehr und wir sind ja nunmal eine Familie. Ein kleines Opfer muss man nunmal bringen.

Und das geringere Gehalt birgt ja andere Vorteile. Ich kann problemlos in Elternzeit und Teilzeit. Mein Mann könnte das wohl nicht.

Verdammt. Ich bin jetzt schon drin und das noch bevor ich die Verhütung abgesetzt habe.

 

Was ich damit sagen will? Leute bekommt mehr Kinder! Eines unserer größten gesellschaftlichen Probleme sind fehlende Kinder. Und Frauen – stellt euch nicht so an. Kinder sind privates Glück, das ist euer Problem. Ihr wolltet ja Kinder.